„Bauboom wird weitergehen“

Raiffeisenbank-Chefs blicken auf erfolgreiches Jahr und sehen keine Wende am Immobilienmarkt, solange noch Flächen verfügbar sind

Feucht

Fachkräftemangel, Digitalisierung, die Niedrigzinspolitik der EZB und der Boom am Bau: Diese Themen haben die Jahresbilanz der Raiffeisenbank Altdorf-Feucht eG maßgeblich beeinflusst. Angesichts positiver Kennziffern und einem Betriebsergebnis von 6,5 Millionen Euro spricht Vorsitzender Manfred Göhring von einem „sehr zufriedenstellenden Jahr“.

Trotz der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank vertrauen die Kunden der Raiffeisenbank so viel Geld an wie noch nie. Auf den Kundenkonten liegen mittlerweile 415 Millionen Euro. Die Hälfte dieser Guthaben befindet sich allerdings im Stand-by-Modus, wie Engelhardt und Göhring es nennen. Die Kunden parken ihr Geld auf Giro- und Tagesgeldkonten und warten auf das Ende der Negativzinspolitik. „Dadurch vergibt man natürlich Chancen und verliert nicht zuletzt bares Geld", sagt Engelhardt. Trotz wiederkehrender Negativ-Schlagzeilen über Verluste an den Börsen hat Göhring bei seinen Kunden die Bereitschaft wahrgenommen, sich alternativen Anlageformen zu öffnen. Dazu zählen Wertpapiere, Aktien und Fonds ebenso wie Immobilien und Versicherungen. Diese böten Perspektiven für höhere Renditen, ohne das Risikobewusstsein aufgeben zu müssen. Insgesamt 278 Millionen Euro waren zum Jahresende in diesem Segment disponiert – sieben Prozent mehr als im Vorjahr. „Solange Flächen zur Verfügung stehen, wird der Bauboom weitergehen“, meint Engelhardt angesichts einer ungebrochenen Nachfrage nach Krediten auf privater wie gewerblicher Seite. Und das obwohl steigende Kosten für Grund und Bau die Attraktivität von Immobilien als Kapitalanlage mindern und sich nicht mehr jede Familie ihre eigenen vier Wände leisten kann. „Parkside war beispielsweise in zweieinhalb Jahren vermarktet. "Das ist gigantisch“, sagt Göhring. Und 2017 sei sogar das absolute Spitzenjahr bei der Kreditzusage für Baufinanzierungen gewesen: 69 Millionen Euro neue Kredite reichte die Bank aus, etwa drei Viertel der Summe floss in Wohnimmobilien. Die niedrigen Zinsen entfalten jedoch auch eine verführerische Wirkung. Immer mehr private Häuslebauer gingen mit überhöhten Vorstellungen in ein Beratungsgespräch und liefen Gefahr, sich finanziell zu übernehmen. Die Raiffeisenbank lege bei der Kreditvergabe deshalb Wert auf angesparte Eigenmittel oder ein Ersatzobjekt sowie einen Tilgungssatz, der eher bei drei denn bei zwei Prozent angesiedelt ist. In Kombination mit dem Zinssatz ergibt sich daraus eine wirksame Bremse. „Denn wer fünf Prozent Belastung nicht schafft, der sollte besser eine Nummer kleiner planen“, sagt Göhring, gibt aber zu, dass sich nicht jeder Kunde von dieser Rechnung überzeugen lasse. Der Zuwachs bei Einlagen und Krediten erhöht auch die Bilanzsumme. Mit 506 Millionen Euro überschritt die Raiffeisenbank Altdorf-Feucht eG erstmals die 500er Marke. Als besonders erfreulich und überaus wichtig erachten Göhring und Engelhardt das gestiegene Eigenkapital auf nun 48 Millionen Euro. Diesbezüglich erfüllt die Bank alle Normen der Bankenaufsicht. Sie könne sogar weitere Kredite in Höhe von rund 300 Millionen Euro vergeben, ohne deren Quotenvorgabe zu reißen – zumindest theoretisch. Praktisch wäre die Bank damit allerdings überfordert, meint Göhring. Die Rechnung zeige aber, welch ausgesprochen gute Perspektiven dieses Geschäftsfeld biete.

Sechs Filialen bargeldlos

Gemessen an Betriebsergebnis und Bilanzsumme rangiert die hiesige Raiffeisenbank unter 240 bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken dank eines erfolgreichen Geschäftsjahres auf Rang 5. Nun sei es nicht so, dass man von der Negativzinspolitik verschont bliebe. Doch das wachsende Kreditgeschäft, Erträge aus Vermittlung und nicht zuletzt Einsparungen durch zeitsparende Arbeitsabläufe hätten diese aufgefangen. „Vor zehn Jahren haben 84 Vollzeitstellen rund 600 Millionen Euro Kundenvolumen betreut. Heute schaffen 78 Vollzeitstellen knapp 1,1 Milliarden“, erläutert Göhring. Dabei sei es keinesfalls das Ziel der Bank, Personal abzubauen oder gar eine der acht Geschäftsstellen zu schließen. Deshalb habe man in den vergangenen fünf Jahren 4,5 Millionen Euro in die Filialen investiert. Dass die Geschäftsstellen mit Ausnahme von Feucht und Altdorf heute kein Bargeld mehr offen ausbezahlen, sei rechtlichen Gründen sowie der mangelnden Nachfrage der Kunden geschuldet. „Bei offener Bargeldauszahlung gilt das Vier-Augen-Prinzip. Während eine Servicekraft Geld ausgibt, muss eine andere im Ernstfall in der Lage sein, einen Alarm auszulösen“, erklärt Göhring, „in Schwarzenbruck oder Winkelhaid wären zwei Servicekräfte aber nie ausgelastet“. Deshalb gibt es Geld dort nur noch aus dem Automaten. Während immer weniger Kunden den Kontakt am Schalter suchen, steigt die Nachfrage bei digitalen Angeboten. Noch spielt das Alter der Kunden eine Rolle, schon in zehn Jahren aber wird laut Göhring kaum noch jemand in Rente gehen, der in seinem Berufsleben so wenig Kontakt mit einem Computer gehabt hat, dass er des Onlinebankings nicht mächtig ist. Darauf stellt sich die Bank ein. Ihre VR-Banking-App kürte das Handelsblatt sogar zur zweitbesten Banking-App Deutschlands. Sie bietet den Bankkunden alle Möglichkeiten des Onlinebankings – in benutzerfreundlicher Kacheloptik auf Smartphone und Tablet.

Nur ein neuer Azubi

Sorge bereitet die junge Generation den beiden Bank-Chefs weniger auf Kunden- denn auf Mitarbeiterseite. „Früher kamen 60 Bewerbungen auf fünf Stellen, heute nur noch sechs“, sagt Göhring und erklärt, weshalb im vergangenen Jahr nur ein Auszubildender eingestellt und die Gesamtzahl von zehn auf acht zurückgegangen ist. Verfehlungen der Großbanken legten sich wie ein Schatten auf die Branche und schädigten dem Ansehen der Bankkaufleute. Mit Veranstaltungen wie der Nacht der Bewerber versucht die Bank, hier gegenzusteuern.  Neben dem Fachkräftemangel leide die Bank unter zunehmendem bürokratischen Aufwand. „Pragmatismus ist auf beiden Augen blind, Angemessenheit auf beiden Ohren taub! Wer hält diesen Wahnsinn auf?“, fragt Göhring provokant und führt beispielhaft die telefonische Anlageberatung an. Diese bieten seine Mitarbeiter nämlich nicht mehr an. Möchte ein Kunde 100 Aktien zeichnen, kann er dies zwar am Telefon tun. Möchte er sich mit dem Mitarbeiter aber über Chancen und Risiken austauschen, muss dieser ihn enttäuschen. Die Dokumentationspflicht bei einer solchen Beratung ist schlicht zu groß geworden, erklärt Göhring. Die Dienstleistung wurde eingestellt.   

Die Raiffeisenbank Altdorf-Feucht zählte zum Jahresende 22 862 Kunden (Vorjahr 22 782) sowie 10 803 Mitglieder (Vorjahr 10 619).

 

 

Bankvorsitzender Manfred Göhring (rechts) und sein Stellvertreter Walter Engelhardt freuen sich über „erfolgreiche Wachstumskennziffern in allen Bereichen“.
Die Kunden vertrauen der Raiffeisenbank so viel Geld an wie noch nie: 415 Millionen Euro.

Quelle:

Der Bote, März 2018

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